Konkrete Hilfe vor Ort wirkt: Fachtag der Koordinierenden Kinderschutzstelle zum Thema Kinderarmut

Der 7. Fachtag der Koordinierenden Kinderschutzstelle (KoKi – Netzwerk frühe Kindheit) fand kürzlich im Landratsamt Freising statt. Thema war diesmal „Armut und Chancengleichheit in der frühen Kindheit“. Die rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachtages stammten aus den unterschiedlichsten Professionen wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedenster Beratungsstellen, die mit Familien und Kindern arbeiten, Erzieherinnen, Hebammen, Honorarkräfte aus dem Bereich der ambulanten Erziehungshilfen und dem Bereich der Hauswirtschaft/Familienpflege. Die Mitarbeiterinnen der KoKi freuten sich besonders darüber, dass der Fachtag auch für eine Polizistin und eine Freisinger Kinderärztin von Interesse war.

 

Hauptreferent war Prof. Dr. med. Gerhard Trabert. Der Diplom-Sozialpädagoge, Arzt und Professor für Sozialmedizin/Sozialpsychiatrie absolviert immer wieder Auslandseinsätze, beispielsweise in Afghanistan, Angola, Liberia, Bangladesch, Äthiopien und im Libanon. Seine Ausbildung sowie seine berufliche Erfahrung ermöglichen es ihm, das Thema „Armut“ aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zu sehen und zu beleuchten, was sich in seinem hochinteressanten und lebendigen Vortrag beim Fachtag widerspiegelte. Er informierte seine Zuhörer nicht nur über die Ursachen von Armut und deren Verteilung in der Bevölkerung (v.a. bei Kindern), sondern gab auch zahlreiche Denkanstöße, z.B. hinsichtlich möglicher Interventionsangebote.

 

Der Vortrag, der durch die Ergebnisse zahlreicher renommierter wissenschaftlicher Studien unterlegt war, enthielt auch viele gesellschaftskritische Aspekte. So wies Prof. Trabert auf die Diskrepanz zwischen der Tatsache hin, dass Deutschland das „fünftreichste Land der Welt und das reichste Land Europas“ sei, gleichzeitig von der Politik jedoch immer geäußert werde, für konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut in Deutschland (wie beispielsweise die seit Jahren von den Sozialverbänden geforderte Anhebung der Hartz IV-Sätze um 20  bis 30 Prozent) fehlten die finanziellen Mittel. Er zeigte weiter auf, dass vor allem Kinder, die mit einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen, oder Kinder aus Familien mit drei oder mehr Kindern signifikant häufiger von Armut betroffen sind. Es sei aus seiner Sicht ein „eindeutiges Zeichen für die ungleiche und ungerechte Verteilung von Ressourcen“, wenn die Zusammensetzung einer Familie darüber entscheide, ob ein Kind von Armut bedroht sei oder adäquat am gesellschaftlichen Leben teilnehmen könne.

 

Anhand von Beispielen aus verschiedenen, von ihm gegründeten Projekten veranschaulichte Prof. Trabert, wie wirksam Hilfe und Unterstützung für die betroffenen Menschen ist, wenn sie „vor Ort“ angeboten wird, also direkt dort, wo die Menschen leben. So zeigen Studien wohl, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien einen deutlich schlechteren Impfschutz haben, weil die Eltern oftmals nicht einmal das Geld für die Fahrt zum Arzt aufbringen können. Als Trabert und sein Team jedoch direkt in die betroffenen Wohnviertel gingen und dort kostenlose Impfungen für Kinder und Erwachsene anboten, brachten sehr viele Eltern ihre Kinder zum Impfen und ließen sich selbst dabei ebenfalls impfen.

 

Der Referent erklärte abschließend, wie wichtig eine interdisziplinäre Vernetzung bei der Armutsbekämpfung sei. Gute Erfolge brächten die Gründung sogenannter Runder Tische, wobei es hierbei wichtig sei, zügig von der Ideensammlung auf die Realisierungsebene zu kommen. Damit schließt sich der Kreis zur Koordinierenden Kinderschutzstelle, die sich seit acht Jahren zum Wohl der Familien für eine Verbesserung der Vernetzung zwischen den einzelnen Professionen einsetzt und aus deren guter Kooperation mit den Netzwerkpartnern bei einem zwei- bis dreimal jährlich stattfindenden Runden Tisch konkrete Unterstützungsprojekte für Familien mit Kindern im Alter von 0 bis drei Jahren hervorgingen. Beispiele sind die „Familienpaten“ der Caritas oder das „Wellcome-Projekt“ des Zentrums der Familie.

 

Nachdem die Teilnehmer des Fachtags die Möglichkeit hatten, sich mit Prof. Trabert auszutauschen und ihm Fragen zu stellen, rundeten die beiden Diplom-Sozialpädagoginnen Susanne Noller und Beate Drobniak von der Kirchlichen allgemeine Sozialarbeit (KASA) der Diakonie den Fachtag mit ihrem Impulsreferat ab. Sie stellten unter anderem eine Gruppe für Kinder vor, deren Eltern schwer chronisch erkrankt sind.

 

Dass das Thema und die Referenten den Nerv der Zuhörer getroffen hatten, zeigte sich auch daran, dass im Anschluss an die Veranstaltung noch längere Zeit in größeren und kleineren Grüppchen weiter nachgedacht und diskutiert wurde. Die Mitarbeiterinnen der Koordinierenden Kinderschutzstelle erhielten viele, ausschließlich positive Rückmeldungen über den Fachtag.

 

Jugendamtsleiterin Arabella Gittler-Reichel (v.r.) und Landrat Josef Hauner sowie die Mitarbeiterinnen der Koordinierenden Kinderschutzstelle hießen die Gäste willkommen

Zahlreiche Vertreter von Organisationen, die mit Familien und Kindern arbeiten, hatten sich im Großen Sitzungssaal versammelt

Prof. Dr. Gerhard Trabert zeigt anhand von Praxisbeispielen auf, wie von Armut betroffenen Menschen geholfen werden kann

Bürgerservice Kontakt

Kontakt
Sie können uns Ihre Fragen, Wünsche, Anregungen oder Beschwerden mitteilen. Wir werden diese umgehend bearbeiten und Sie darüber informieren, wie es weiter geht.

Bürgerhilfsstelle